Diabas-Steinbruch Wolfshagen | 18.08.2016

Die Spur der Steine

Der 1986 stillgelegte Diabas-Steinbruch Wolfshagen im Harz gilt seit langem als eindrucksvolles Beispiel für eine gelungene Renaturierung einer ehemaligen Abbaustätte. Hier praktizieren Landesforsten und Gesteinsindustrie gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit.

 - Ein- und Ausblicke - der renaturierte Diabas-Steinbruch Wolfshagen.
Ein- und Ausblicke - der renaturierte Diabas-Steinbruch Wolfshagen.
Foto: Klingebiel

30 Jahre nach der Einstellung des Abbaubetriebs wurde ein Rundweg angelegt, Schautafeln erläutern die Entwicklung von Wald und Forstwirtschaft im Harz sowie die Wandlung der Abbaustätte zum heutigen Biotop und dessen Pflanzen- und Tierwelt. Rund um den ehemaligen Steinbruch  durchwandert und erlebt der Besucher 380 Mio. Jahre Erd- und 100 Jahre Steinbruchgeschichte. Von zwei Aussichtspunkten bieten sich dem Besucher beeindruckende Aus- und Einblicke in das heutige Biotop (Abb. 1).

Diabas-Vorkommen und -Steinbrüche im westlichen Harz

Der Harz besteht in weiten Teilen aus ehemaligen Meeresablagerungen, die vor ca. 440 bis 300 Mio. Jahren entstanden sind. Im Laufe der Erdgeschichte wandelten sich diese Sedimente zu den heutigen Festgesteinen. Im westlichen Harz besteht die Gesteinsfolge meist aus Tonschiefer und Grauwacke.

Auch im Mitteldevon, vor ca. 380 Mio. Jahren, war fast ganz Norddeutschland vollständig vom Meer überflutet. Während dieser Zeit kam es durch Zerr- und Dehnungsbewegungen in der Erdkruste wiederholt zu intensiven, untermeerischen Vulkanausbrüchen. Im nordwestlichen Teil des Harzes drangen glutflüssige und über 1.000 °C heiße Magmen in den Tonschlamm am Meeresboden ein, breiteten sich hierin aus und erstarrten. Es bildeten sich Diabas-Lagerstätten.

Vor 320 Mio. Jahren - etwa in der Mitte des Karbon - begann die Geschichte des Harzes als Gebirge. In dieser Zeit leitete das Zusammenstoßen großer kontinentaler Platten die variszische Gebirgsbildung ein. Hierbei wurden die Gesteinspakete mitsamt des eingelagerten Diabases zusammengeschoben, verfaltet und schließlich als Teil eines großen Hochgebirges über den Meeresspiegel gehoben. In der Folge wurde der Harz mehrfach überflutet, Epochen tiefgreifender Erosion, Hebungen, Absenkungen und Ablagerungen wechselten einander ab. Erst im Zeitraum vor ca. 20 bis 1 Mio. Jahren, im Erdzeitalter zwischen Jungtertiär und Quartär, erreichte der Harz seine heutige markante Kontur und Höhenlage.

Mit dem Anschluss des Nordharzes an das Eisenbahnnetz in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts begann auch die Geschichte der Diabas-Steinbrüche im Harz. Über einen Zeitraum von nahezu 100 Jahren wurde in insgesamt fünf Betrieben Diabas abgebaut und zu Baustoffen weiterverarbeitet (Abb. 2). Mit ihrer Lage am Nordrand des Mittelgebirges, meist mit eigenem Gleisanschluss, besaßen die Diabas-Steinbrüche Langelsheims und Wolfshagens eine herausragende Bedeutung für die Versorgung Norddeutschlands mit Bau- und Zuschlagsstoffen für den Verkehrswegebau. Mit der Schließung des Diabas-Steinbruchs in Wolfshagen am 31.12.1986 endete diese Ära.

 - Geologie des Westharzes und ehemalige Diabas-Steinbrüche.
Geologie des Westharzes und ehemalige Diabas-Steinbrüche.
Foto: Stedingk

Der Diabas-Steinbruch Wolfshagen

1885 wird am Heimberg in einem kleinen handwerklichen Betrieb erstmalig Diabas abgebaut. Die Gesteinsgewinnung und die Weiterverarbeitung sind harte körperliche Arbeit. Die durch die Sprengung gewonnenen Knäpper werden in reiner Handarbeit mit Vorschlaghammer, Fäustel und Spitzeisen zunächst zur Packlage, pyramidenförmige Bruchsteine von 12 bis 20 cm Seitenlänge, behauen. In letzter Handarbeit werden die Steine weiter zum Steinschlag mit einer Größe von 4 bis 12 cm verarbeitet. Packlage und Steinschlag waren die Grundbaustoffe für die seinerzeitigen Schotterstraßen.

In den 1920er Jahren beginnt im Steinbruch eine erste Mechanisierung. Das gesprengte Gestein wird mit der Hand in Kipploren geladen und über Gleise zu einem Brecher gefördert .Die maschinelle Zerkleinerung eröffnete dem Betrieb erhebliche Absatzmöglichkeiten an Bahnschotter. Folgerichtig werden im Jahr 1926 eine neue Verladung gebaut und eine Feldbahn angelegt, mit der vor allem Schotter zum Langelsheimer Bahnhof transportiert wird.

1953 übernimmt der Hamburger Unternehmer Dr. Joachim Rathjens den Steinbruch. Rathjens modernisiert den Betrieb, insbesondere die Aufbereitungsanlage, und erweitert die Kapazität erheblich. Das gesprengte Gestein wird mit leistungsfähigen Seilbaggern auf schwere Lkw geladen. Muldenkipper übernehmen den Transport zur Brech- und Aufbereitungsanlage und lösen damit die Kipploren ab. Der steigende Bedarf an Baustoffen für den Straßen- und Tiefbau führt zu einem ersten konjunkturellen Aufschwung. Der Steinbruch beschäftigt fast 100 Menschen und wird damit größter Arbeitgeber in Wolfshagen.

 - Steinbruch und Aufbereitung 1972.
Steinbruch und Aufbereitung 1972.
Foto: Klingebiel

Im Jahr 1968 übernimmt die Unternehmensgruppe Dr. Joachim Schmidt aus Ilsede bei Peine den Steinbruch. Die "Schmidt Gruppe" modernisiert den Betrieb, Unter dem Namen "Harzer Diabas Steinbruchs GmbH" erlebt der Steinbruchbetrieb seine wirtschaftliche Blütezeit (Abb. 3). Bis zu 900.000 t Gesteinsprodukte verlassen jährlich den Steinbruch.

In den Zeiten der Hochkonjunktur zeichnet sich bereits ab, dass das Vorkommen im Laufe der 1980er Jahre erschöpft sein wird. Pläne zu einer Abbauerweiterung werden nicht mit letzter Konsequenz verfolgt. Der Eingriff in Natur und Landschaft hätte zu kaum lösbaren Konflikten mit der Öffentlichkeit und damit zu einem erheblichen Imageschaden der Unternehmensgruppe geführt. Die Übernahme des Harzburger-Gabbro-Steinbruchs sichert der Gruppe darüber hinaus die langfristige Rohstoffversorgung für den Norddeutschen Raum und erleichtert damit diese Entscheidung. Der Steinbruchbetrieb am Heimberg wird am 31.12.1986 eingestellt. Der Tagebau hat nach 100 Jahren Gesteinsabbau Ausmaße von ca. 600 m Länge und ca. 400 m Breite erreicht. Ca. 22,5 Mio. t Gesteinsprodukte haben in diesem Zeitraum den Betrieb verlassen.

Die Renaturierung 1987 bis 1989

1976 entwickelte das damalige Staatliche Forstamt Lautenthal die ersten konkreten Ideen für eine Rekultivierung. Diese flossen 1986 in die Zielformulierung des Landschaftsrahmenplans ein. Vorhandene Strukturen sollten im Wesentlichen erhalten bleiben. Ungestörte Lebensräume für Flora und Fauna sollten geschaffen, die Naherholung für die Region dabei berücksichtigt werden. Auf jegliche forstliche Nutzung wurde verzichtet.

In einem Zeitraum von mehr als drei Jahren wurden über 70.000 m3 Bodenmassen und Gestein bewegt. Halden und Böschungen wurden profiliert, künstliche Inseln und Höhlen geschaffen. Das gesamte Areal umfasst heute 38 ha. Kernstück der Biotopstrukturen bilden die acht insgesamt 6 ha großen nährstoffarmen Flachwasserteiche (Abb. 4). Blickfang des renaturierten Steinbruchs ist der "Brutfelsen", der in der Mitte des Steinbruchs turmförmig mit einer Höhe von fast 50 m herausragt. Im Außenbereich wurden zwischen Schutzzaun und Abbruchkante 7 ha Laubmischwald, teils als Schutzwald, angelegt. Zum Schutz der sich entwickelnden Pflanzen- und Tierwelt war und ist der Zutritt in den ehemaligen Steinbruch nicht gestattet.

 - Kernstück des Biotops: die Flachwasserteiche.
Kernstück des Biotops: die Flachwasserteiche.
Foto: Grope

Das Biotop

Das Steinbruchbiotop hat sich zu einem sehr speziellen Lebensraum entwickelt. Der heutige Reichtum an Tier- und Pflanzenarten resultiert aus den verschiedenen Strukturen: Trockenrasen, Flachwasserbereiche, Blockschutthalden, Felsen oder nackter Boden - jeder Bereich ist ein eigener Lebensraum mit speziellen Arten, typischen Wuchsräumen, Jagdrevieren oder Verstecken.

An einigen Stellen im Steinbruchkessel herrschen besonders in Bodennähe sommerliche Temperaturen bis zu 50 °C. Direkte Sonneneinstrahlung und gespeicherte Wärme in Gestein und Flachwasser sorgen für waldfreie Lebensräume mit mediterranem Charakter. Hiervon profitieren besonders die wärmeliebenden Libellenarten.

Der Ausschluss der Öffentlichkeit aus dem Steinbruchareal ist eine notwendige Voraussetzung für die Existenz sensibler Pflanzen und Tiere. Geburtshelferkröte, Wanderfalke oder die kleinen Larven der Libellen würden regelmäßige und größere Störungen übelnehmen. Viele Pflanzen würden darunter leiden, wenn Wanderer, Kletterer oder unbedarfte Steinbruchbesucher den Wuchsraum verändern, verschmutzen oder beeinträchtigen.

Um die Entwicklung im Steinbruch zu dokumentieren, wurden im Abstand von etwa fünf Jahren Biotopkartierungen durchgeführt. Die Artenliste der Steinbruchbesiedler spiegelt eine beeindruckende 30jährige Entwicklung wider. Im Steinbruchbiotop leben viele Tier-und Pflanzenarten, die in den amtlichen Roten Listen der seltenen und gefährdeten Arten aufgeführt sind. Für sie ist der ehemalige Diabas-Steinbruch ein wichtiger Rückzugsraum.

Bereits während des aktiven Gesteinsabbaus bewohnten Uhu, Wanderfalke und eine Kolonie Geburtshelferkröten einige Areale im Steinbruch. Nachdem der Uhu seit den 1960er Jahren im Harz ausgestorben war, begann hier am Rande des noch aktiven Betriebs vor mehr als 30 Jahren das erfolgreiche Auswilderungsprojekt für ganz Norddeutschland. Nach und nach wurden auf großer Fläche mehr als 300 Uhus ausgesetzt. Heute ist in Niedersachsen ein fester Bestand mit rund 150 Brutpaaren gesichert. Mit dem Wanderfalken ist ein weiterer seltener Greifvogel ebenfalls im ehemaligen Steinbruch beheimatet. Insbesondere während ihrer Balz- und Brutzeit sind ihre rasanten Flüge zu beobachten.

Die Geburtshelferkröte, wegen ihres glockenähnlichen Rufes auch Glockenfrosch genannt, ist heute in freier Natur nahezu verschwunden. Die Begradigung der Flüsse und der Verbau natürlicher Steilufer haben ihr den Lebensraum genommen. Die vegetationsarmen Flächen im ehemaligen Tagebau und die angelegten Flachwasserbiotope bieten ihr eine gute Lebensgrundlage. Nach menschlichen Maßstäben praktiziert die Geburtshelferkröte eine wunderbare Gleichberechtigung.

Die eigentlichen "Stars" im Steinbruchbiotop sind jedoch kleine Insekten. Seit 1992 stieg die Zahl der Libellenarten im Steinbruch von 15 auf 42 an. Zum Vergleich: Im gesamten Landkreis Goslar wurden bisher insgesamt 63 Libellenarten nachgewiesen (Abb.5).

Kleines Granatauge. - 
Kleines Granatauge.
Foto: Specht

"Spur der Steine" - Idee und Realisation

Bereits unmittelbar nach Abschluss der Rekultivierungsarbeiten entwickelte sich der stillgelegte Steinbruch zum Anziehungspunkt für die Bevölkerung und für die Gäste des Kurortes Wolfshagen im Harz. Bestand die Attraktion zu Beginn der 1990er Jahre überwiegend in den beiden Aussichtspunkten mit dem imposanten Blick in den ehemaligen Tagebau mitsamt Brutfelsen, änderte sich die Wahrnehmung der Besucher von Jahr zu Jahr. In dem Maße, wie sich die Natur den alten Steinbruch zurückeroberte und sich aus dem Grau der ehemaligen Abbaustätte ein immer farbenfroheres Idyll entwickelte, stieg das Interesse der Besucher. Viele Fragen wurden gestellt - zur Geschichte des Steinbruchs und vor allem zu den Pflanzen und Tieren knapp 50 m tiefer.

30 Jahre nach Schließung des Betriebs war die Zeit gekommen, den Menschen diese Fragen zu beantworten. Im Frühjahr 2015 trafen sich Forst und Gesteinsindustrie. Willi Grope und Rainer Hoffmeister, ehemaliger und aktueller Leiter der Revierförsterei Wolfshagen, und der Autor dieses Textes entwickelten eine Konzeption für einen beschilderten Themenpfad rund um den ehemaligen Diabas-Steinbruch. Als Resultat dieser Ideenfindung wurden Themenschwerpunkte und -abfolge erarbeitet, die als Grundlage für insgesamt 13 Schautafeln dienten. Die Streckenführung orientiert sich im Wesentlichen an dem 1989 angelegten Rundwanderweg und den beiden Aussichtspunkten am Rande des ehemaligen Steinbruchs.

 - Schautafeln illustrieren die Erd- und Steinbruchgeschichte.
Schautafeln illustrieren die Erd- und Steinbruchgeschichte.
Foto: Donner/regionalGoslar.de

Die Niedersächsischen Landesforsten übernahmen die Trägerschaft und Finanzierung, die Norddeutsche Naturstein GmbH als Rechtsnachfolger der "Harzer Diabas Steinbruchs GmbH" sowie die Reddersen-Stiftung des Harzklubs die Co-Finanzierung von "Spur der Steine".

Im Mai 2015 begann die Realisierung des Projektes. Texte mussten erstellt, Bilder gesichtet werden. Fachkompetente Mitstreiter und eine Agentur wurden eingebunden. Wege wurden befestigt, gesichert und neu angelegt, Diabas-Steine bewegt und positioniert. Rahmenkonstruktionen für die Schautafeln, Ruhebänke und Aussichtsplattformen wurden angefertigt (Abb. 6). Bauliche und naturschutzrechtliche Genehmigungen mussten eingeholt werden. Am 16. Juni 2016 wurde "Spur der Steine" durch Christian Meyer, Niedersächsischer Minister für Landwirtschaft, Ernährung und Verbraucherschutz, und Dr. Klaus Merker, Präsident der Niedersächsischen Landesforsten, eröffnet (Abb. 7).

 - Einweihung des Themenpfades - Nieders. Landwirtschaftsminister Christian Meyer (2.v.l.) und Präsident der Nieders. Landesforsten Dr. Klaus Merker mit dem Projektteam.
Einweihung des Themenpfades - Nieders. Landwirtschaftsminister Christian Meyer (2.v.l.) und Präsident der Nieders. Landesforsten Dr. Klaus Merker mit dem Projektteam.
Foto: Donner/regionalGoslar.de

Ausblick

Der Harz verfügt über eine lange und umfangreiche Montanhistorie. Zahlreiche Schaubergwerke und Museen, Halden und Pingen sowie das Oberharzer Wasserregal zeugen hiervon. Diese Bergbaugeschichte ist für den Tourismus im nördlichsten deutschen Mittelgebirge zu einem wichtigen Faktor geworden.

"Spur der Steine" schließt geografisch und thematisch eine Lücke in der Harzer Montanhistorie. Auf halbem Weg zwischen dem UNESCO-Weltkulturerbe Rammelsberg und dem Oberharzer Bergbaurevier erschließt sich hier dem Besucher eine über 100jährige Geschichte des Gesteinsabbaus im Harz. Die landschaftlichen Ein- und Ausblicke am Rande der ehemaligen Abbaustätte, vor allem aber die Tier- und Pflanzenwelt im entstandenen Biotop machen den besonderen Reiz des alten Diabas-Steinbruches aus. (Dr.-Ing. Siegfried Klingebiel)